Systemisches Konsensieren
Ein Entscheidungsverfahren, das nicht fragt „Wer ist dafür?“, sondern „Wie groß ist dein Widerstand?“ – und so die Lösung findet, die der Gruppe am wenigsten wehtut.
Die Idee
Systemisches Konsensieren wurde in den 2000er-Jahren von Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta in Graz entwickelt. Bei klassischen Mehrheitsentscheidungen kann eine knappe Mehrheit eine große Minderheit überstimmen – Konflikte werden so nicht gelöst, sondern nur vertagt.
Das Systemische Konsensieren dreht die Perspektive um: Gesucht wird der Vorschlag, gegen den in der Gruppe insgesamt der geringste Widerstand besteht. Dieser Vorschlag liegt am nächsten an einem echten Konsens.
Widerstand statt Zustimmung
Zustimmung ist oft unscharf – man kann vielen Dingen „irgendwie“ zustimmen. Widerstand dagegen ist deutlich spürbar und ehrlicher: Er zeigt, was eine Person wirklich stört und wo sie Probleme bei der Umsetzung erwartet.
- Alle Teilnehmenden bewerten jeden Vorschlag, nicht nur ihren Favoriten.
- Taktisches Abstimmen lohnt sich kaum, weil jede Stimme gleich viel Gewicht hat.
- Auch Kompromisse, die niemandes Favorit sind, haben eine faire Chance.
Die Skala von 0 bis 10
Für jeden Vorschlag vergibt jede Person Widerstandspunkte:
Zwischenwerte drücken leichte Bedenken (1–3), deutliche Einwände (4–6) oder starke Ablehnung (7–9) aus.
Die Passivlösung
Zu jeder Abstimmung gehört ein besonderer Vorschlag: die Passivlösung – „Es bleibt alles, wie es ist“ bzw. „Wir entscheiden jetzt nichts“. Sie wird genauso bewertet wie alle anderen Vorschläge.
Warum ist das wichtig? Die Passivlösung ist der Maßstab. Ein Vorschlag, der mehr Widerstand erzeugt als „nichts tun“, ist offensichtlich keine Verbesserung. Liegt die Passivlösung vorn, ist das ein klares Signal, dass noch bessere Vorschläge gebraucht werden.
Die Auswertung
Für jeden Vorschlag werden die Widerstandspunkte aller Teilnehmenden zusammengezählt:
Gruppenwiderstand = Summe aller Widerstandspunkte
Damit sich Ergebnisse unabhängig von der Gruppengröße vergleichen lassen, rechnet RocketVote zusätzlich die Akzeptanz aus. Bei n Teilnehmenden ist der maximal mögliche Widerstand n · 10:
Akzeptanz = 1 − Gruppenwiderstand / (n · 10)
Gewonnen hat der Vorschlag mit dem geringsten Gruppenwiderstand – also der höchsten Akzeptanz.
Ein Beispiel
Ein Team aus vier Personen plant seinen Jahresausflug. Zur Wahl stehen zwei Vorschläge plus die Passivlösung:
| Vorschlag | Anna | Ben | Cem | Dana | Widerstand Σ | Akzeptanz |
|---|---|---|---|---|---|---|
| A: Gemeinsames Grillen | 2 | 0 | 3 | 1 | 6 | 85 % |
| B: Escape Room | 0 | 8 | 1 | 6 | 15 | 62 % |
| Passivlösung: kein Ausflug | 6 | 5 | 7 | 4 | 22 | 45 % |
Der Escape Room wäre für Anna und Cem der Favorit – bei einer Mehrheitswahl hätte er gute Chancen gehabt. Ben und Dana haben aber deutliche Einwände. Das Grillen ist für niemanden ein Problem und erreicht mit nur 6 Widerstandspunkten 85 % Akzeptanz. Es ist die Lösung, mit der alle gut leben können.
Wann eignet sich die Methode?
- Entscheidungen in Teams, Vereinen, Wohngemeinschaften oder Familien
- Priorisierung von Projekten, Terminen oder Budgets
- Workshops und Retrospektiven, in denen viele Ideen im Raum stehen
- Überall dort, wo die Umsetzung von der Unterstützung aller abhängt
Probier es selbst aus
Lege jetzt eine Abstimmung an und erlebe, wie schnell eine Gruppe zu einem tragfähigen Ergebnis kommt.
Jetzt Abstimmung starten